Heinrich, Else und Renate Freier

Das junge Familienglück von Heinrich und Else Freier währte nur sehr kurz. Heinrich Freier wuchs mit seinen zehn Geschwistern in der Leipziger Münzgasse auf. Er wurde am 22.9.1906 hier geboren. Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten diskutierte die Großfamilie die antisemitische Politik in Deutschland sehr kontrovers. Das Familiengedächtnis überlieferte Heinrichs Einstellung: „Ich würde nicht so schwarzsehen. Ich glaube kaum, dass sich die NSDAP lange halten wird.“* Im Gegensatz dazu forcierten mehrere seiner Geschwister gleich 1933 die Flucht aus Deutschland. Vier Jahre später bemühte sich auch Heinrich um eine Ausreise: „Nie hätte ich geglaubt, dass unsere Heimatstadt für uns Juden zum Alptraum wird. […] Jetzt können wir nur hoffen, möglichst bald rauszukommen.“*

Der redegewandte und sehr temperamentvolle „Heini“ heiratete am 16.1.1936 Else Blumenstock. Sie wurde am 27.11.1910 in Düsseldorf geboren. Am 27.11.1937 kam ihre Tochter Renate zur Welt.

Bis 1939 wohnte die junge Familie an verschiedenen Orten der Stadt zur Untermiete. Dann musste sie in eines der sogenannten „Judenhäuser“ in die Walter-Blümel-Str. 21 (heute: Löhrstr.) ziehen. Hier lernte sie Rolf Kralovitz kennen: „Heini Freier, seine Frau Else und ihre kleine Tochter Renate waren unsere Zimmernachbarn. Wir verbrachten viele Abende zusammen. Else war eine ruhige, bescheidene Frau, und Heini war ein außergewöhnlich netter Mensch, der Schwerstarbeit bei der städtischen Müllabfuhr zu verrichten hatte. Er organisierte ab und zu ein Stück Fleisch auf dem Schwarzmarkt, was damals lebensgefährlich war.“*

Am 21. Januar 1942 wurde die Familie mit hunderten weiteren Leipziger Juden nach Riga deportiert. Heinrich Freier gehörte im Ghetto zur Lagerpolizei „[…] und warnte uns immer rechtzeitig vor Kontrollen. Er half uns sehr viel und war ein richtiger Goldengel.“* Aus dem Rigaer Ghetto gibt es noch eine andere überlieferte Erinnerung, „[…] wie die SS in die überfüllten Zimmer kam und zuerst die Kinder und Frauen und dann die Männer erschoss, um Platz für neu ankommende Deportierte zu schaffen. Unter den erschossenen Kindern war die fünfjährige Renate Freier aus Leipzig.“** Es war der 22. April 1944.

Mit der Auflösung des Ghettos wurde Heinrich Freier am 8. August 1944 in das KZ Stutthof deportiert - einen Tag später auch seine Frau. Hier verlieren sich die Spuren von Else Freier (33 Jahre). Am 8. September 1944 kam Heinrich Freier nach Buchenwald. In dem Konzentrationslager traf er noch einmal kurz mit Rolf Kralovitz zusammen, der seit 1943 dort inhaftiert war: „Als ich vom Eintreffen der Rigaer hörte, lief ich sofort zu dem Gebäude, in dessen Keller man die Neuzugänge zur Desinfektion und Einkleidung eingepfercht hatte. Durch ein kleines Fenster fragte ich: ‚Sind hier Leipziger dabei?‘ Die Antwort war: ‚Heini Freier.‘ Er drängte sich durch die vielen nackten Gestalten zum Fenster. Da sah ich ihn wieder: abgemagert und viel älter aussehend. […] Er freute sich sichtlich, jemanden von früher wiederzutreffen, doch leider war es mir nicht möglich, ihm in irgendeiner Weise zu helfen.“***

Heinrich Freier kam in das Außenlager Tröglitz/Rehmsdorf, wo er Zwangsarbeit für die Braunkohle-Benzin AG Zeitz verrichten musste. Es gibt Hinweise der Gedenkstätte in Buchenwald, dass er nach der Auflösung des Lagers am 7. April 1945 auf einen der „Todesmärsche“ nach Theresienstadt geschickt wurde. Über sein weiteres Schicksal lässt sich nur spekulieren: Auf dem Weg dahin ereignete sich am 16. April 1945 in Reitzenhain (Erzgebirge) ein Massaker, nachdem einige hundert Häftlinge versuchten zu fliehen. Auf Druck der SS musste die örtliche Bevölkerung dabei helfen, sie wieder einzufangen. Dann erschoss die SS nahezu alle Flüchtlinge. Viele andere Menschen brachen während des Transportes zusammen und wurden meist namenlos verscharrt. Nur Reste des Marsches kamen am 21. April 1945 bis Theresienstadt und konnten dort wenig später von der sowjetischen Armee befreit werden. „Heini“ Freier (38 Jahre) war nicht dabei.

* Ruth Koren: Der kleine Vogel heißt Goral. Eine jüdische Familiengeschichte. Gießen, 2010. (Ruth Koren ist die Nichte von Heinrich Freier)
** Barbara Kowalzik: Wir waren eure Nachbarn. Die Juden im Leipziger Waldstraßenviertel. Leipzig, 1996.
*** Rolf Kralovitz: ZehnNullNeunzig in Buchenwald. Ein jüdischer Häftling erzählt. Köln, 1996

Paten: Gerda Topalow, 1. Ausbildungsjahr der Altenpflege der Johanniter-Akademie Mitteldeutschland mit zwei Dozenten, Dr. Jorn Brauer und Familie (Kanada)