Fanny Chaja (Feige)1 Mann

Fanny Feige, geborene Gang, wurde am 29. Juni 1865 in Rozdol, in der Nähe von Lemberg (Polnisch Lwów, heute Lwiw, Ukraine) geboren.
Ihr Mann, Ferdinand Feiwel Mann, kam in Tarnow, Polen am 6. März 1863 zur Welt.

Beide lebten in Leipzig zunächst in der Neustädter Straße 13 und später in der Auenstraße 1b. Ob und welcher Tätigkeit sie nachging, ist nicht bekannt.2 Frau Mann kam bei der sogenannten „Polenaktion“ am 28. Oktober 1938 ums Leben.

Als „Polenaktion“ wird die Ende Oktober 1938 kurzfristig, gewaltsam und völlig überraschend von der SS durchgeführte Abschiebung von bis zu 17.000 jüdischen Polinnen und Polen aus dem Deutschen Reich bezeichnet. Zuvor war am 31. März 1938 vom polnischen Parlament ein Gesetz verabschiedet worden, das die Möglichkeit vorsah, allen polnischen Staatsbürger*innen, die länger als fünf Jahre ununterbrochen im Ausland lebten, die Staatsbürgerschaft zu entziehen. Am 9. Oktober 1938 folgte eine Verfügung, nach der im Ausland ausgestellte Pässe ab dem 30. Oktober 1938 nur mit einem Prüfvermerk des polnischen Konsulats zur Einreise nach Polen berechtigten. Auf diese Weise wollte die polnische Regierung eine Massenausweisung der im Deutschen Reich lebenden Jüd*innen polnischer Staatsangehörigkeit nach Polen verhindern.
Daraufhin folgte die o.g. Zwangsausweisung polnischer Jüd*innen aus Deutschland in einer groß angelegten Aktion. Diese Menschen wurden in Deutschland verhaftet, dann an die östliche Grenze gebracht und dort im Niemandsland ausgesetzt.
In Leipzig waren davon ca. 3.000 jüdische Bürger*innen betroffen, die nicht im Besitz deutscher Pässe waren und dadurch als Staatenlose bzw. polnische Staatsbürger*innen doppelt diskriminiert waren. Sie sollten per Gesetz in Massentransporten an die polnische Grenze transportiert werden.

In Leipzig begann die Gestapo am Morgen des 28. Oktober 1938 die Menschen in Sammellagern zusammenzutreiben und vom Hauptbahnhof aus mit Sonderzügen abzuschieben.

Die Familie Mann war von einem „Gestapofriend“ (so Fred Mann in seinem Buch „A drastic turn of destiny”) gewarnt worden und konnte sich, wie 1.300 andere Betroffene, in das Polnische Konsulat retten. Den Großeltern Fanny und Ferdinand Mann gelang dies nicht. Zusammen mit den anderen in Polen geborenen, aber in Leipzig völlig integrierten jüdischen Mitbürger*innen, die von der Aktion überrascht wurden, wurden sie in einer Turnhalle (eventuell der Carlebachschule) zusammengedrängt und am 28. Oktober 1938 auf offenen Lastwagen zum Bahnhof gebracht und dort in Züge gepfercht.

Fanny Chaja Mann war den Aufregungen nicht gewachsen, ihr Herz setzte aus und sie verstarb noch im Waggon, bevor der Zug losfuhr. Daraufhin wurde ihrem Mann gestattet, zur Wohnung zurückzukehren und für die Bestattung seiner Frau Sorge zu tragen. Diese verzögerte sich, da die Angehörigen erst nach drei Tagen das Konsulat verlassen durften, nachdem dem Konsul von deutscher Seite versichert wurde, dass für die dort ausharrenden Jüd*innen (vorerst) keine Gefahr der Zwangsabschiebung mehr bestehen würde. Der Mann Fannys entging auf diese Weise der Zwangsabschiebung. Fanny Chaja Mann wurde 73 Jahre alt.

Fred Mann geht in seinem 2009 erschienenen Buch „A Drastic Turn of Destiny“ in einigen Zeilen auf die Großeltern ein. Die Erinnerung an diese beschreibt er als sehr präsent. Er erwähnt ihre würdige Haltung. Der Großvater war ein erfolgreicher Pelzhändler, der wie ein „Patrizier“ wirkte. Auch die Großmutter strahlte Respekt aus. Fred und sein Bruder waren sehr gern und oft nach der Schule bei der Großmutter, die immer eine kleine Gabe für die Enkel bereithielt.

1939 gelang Fred Mann im Alter von 13 Jahren gemeinsam mit seinen Eltern Emanuel und Zelda Mann, geb. Waldmann, die Flucht nach Belgien. Auch Ferdinand Mann füllte am 17. Juni 1940 einen Ausreiseantrag aus3, unter Staatsangehörigkeit steht: „staatenlos (Pole)“ -> siehe die von Polen ausgehende Aberkennung der Staatsbürgerschaft. Er verstarb jedoch am 10. Januar 1941 im Jüdischen Altenheim in der Humboldtstraße.

Zur Polen-Aktion in Leipzig | Hintergründe

Der Zeitzeuge Rolf Kralovitz war am 28. Oktober 1938, wie viele weitere Freiwillige, als Helfer im Polnischen Generalkonsulat dabei gewesen. Er berichtet davon, wie die dort Untergekommenen für mindestens eine Nacht beherbergt und versorgt wurden. Die Räumlichkeiten des Konsulats, welches sich damals in einer Villa im Leipziger Musikviertel befand, waren völlig überfüllt, ebenso das im Garten zusätzlich aufgestellte Zelt. Spätestens am Nachmittag des zweiten Tages wurde die angespannte und für die verängstigten Menschen nervenaufreibende Situation aufgelöst durch eine Ansprache des polnischen Generalkonsuls, in welcher er laut Rolf Kralovitz verkündete, „die Sache habe sich erledigt“. Wie Kralovitz sich erinnert, sprach daraufhin ein neben ihm stehender Mann leise zu sich: „Nein, jetzt fängt es gerade erst an.“
Wahrscheinlich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits das polnische Außenministerium bei den deutschen Behörden protestiert, woraufhin die „Polenaktion“ eingestellt wurde. Viele Leipziger Jüd*innen mit polnischer Staatsangehörigkeit konnten daraufhin dank des Schutzes im polnischen Konsulat in ihre Wohnungen zurückkehren. Noch heute erinnert eine Gedenktafel am ehemaligen Polnischen Generalkonsulat in Leipzig in der Wächterstr. 32 an dieses Ereignis.4

Unter den während der Polenaktion Deportierten befanden sich auch Angehörige der Familie von Herszel Grynszpan/Herschel Grünspan. Er erschoss in Reaktion darauf einige Tage nach dem 28. Oktober 1938 den deutschen Botschafter in Paris. Dieses Ereignis wurde von den Nationalsozialist*innen für Propagandazwecke missbraucht und stand in unmittelbarem Zusammenhang mit der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938.5

Patenschaft und Recherche:

Soziokulturelles Zentrum Frauenkultur Leipzig 2012 / 2013
Recherche: Kerstin Kollecker, Historikerin, Leipzig 2012 / 2013
Kopien: Dokumente der Israelitischen Religionsgemeinschaft Frau Klaudia Krenn Interview Rolf Kralovitz: Katja Wallenhorst 2013
Rolf Kralovitz: geb.15. Juni 1925, Böhlitz-Ehrenberg, Leipzig; gest. 21. Juni 2015, Köln

Weitere Quellen:
A Drastic Turn of Destiny, The Azrieli Foundation and others, Toronto 2009; Autor des Buches: Fred Manfred Lothar Mann, Enkel; geb. 28.02.1926 in Leipzig; gest. 24.03.2008

1 Siehe: Dokumente Israelitische Religionsgemeinde, Kartei S.8.
2 Siehe: ebd. undeutliche Notiz unter Berufsspalte, „Kauffrau“ oder „Hausfrau“ und „Ferdinand“; evtl. arbeitete sie als Kauffrau gemeinsam mit ihrem Ehemann Ferdinand.
3 Siehe: Dokumente Israelitische Religionsgemeinde: Fragebogen zur Ausreise 17.06.40, S.11.
4 Siehe: Kralovitz_Interview_Endversion.
5 Siehe: Bundesarchiv zu „Abschiebung nach Polen“: https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/zwangsausweisung.html.