Familie Kanner

Moritz Abraham Kanner, der Familienvater, ist am 05.09.1863 in Krakau geboren. Er war Kaufmann und der Inhaber eines Goldwaren- und Juwelengeschäfts. Am 04. April 1886 heiratete er Sara Kanner (geb. Dreier), die jedoch schon sehr früh, am 17. Februar 1908, verstarb. Seit spätestens 1889 lebte er mit seiner Frau und mindestens einem Kind in Leipzig. Zeitweise wohnte er in der Lortzingstraße 14 und zog im September 1935 in die Humboldtstraße 11 um, was seine letzte Wohnadresse in Leipzig ist. Er wurde ausgewiesen und am 20.08.1939 flüchtete er, ebenso wie die anderen Familienmitglieder, aufgrund deren jüdischen Bekenntnisses nach Frankreich. Sein Schicksalslauf in Frankreich ist unbekannt, jedoch starb er am 05.12.1941 in Paris.

Sally Szaja Kanner ist der erste Sohn des Ehepaares und ist am 04.04.1887 in Krakau geboren. Er war wie sein Vater Kaufmann und Inhaber eines Juwelengeschäfts. In Leipzig wohnte er zeitweise in der Gottschedstraße 18. Am 03.12.1937 wurde er wegen „Devisenvergehens" verhaftet, am 28.02.1939 flüchtete er nach Frankreich. Am 27.08.1942 wurde er erneut verhaftet, kam am 02.09.1942 vom Lager les Milles in das Durchgangslager Drancy und schließlich am 07.09.1942 in das KZ Auschwitz.

Marie Rosa Zewin, geborene Kanner, ist am 23.09.1890 in Leipzig geboren und war Handelsvertreterin. Sie wohnte, bevor sie ins Judenhaus in der Funkenburgstraße 16 umziehen musste, in der Humboldtstraße 11. Am 10.05.1942 wurde sie nach Bełzyce deportiert. Ihr weiterer Schicksalsweg ist unbekannt.

Bernhard Ischkel Kanner ist am 27.01.1893 in Leipzig geboren. Er war Kaufmann, Juwelier, Handlungsgehilfe und Inhaber einer Grundstücksverwaltung. Er wohnte in der Humboldtstraße 11, ehe er am 15.08.1938 wegen „Verdacht der Rassenschande" verhaftet wurde. Am 15. Dezember 1938 emigrierte er nach Frankreich. Am 16.07.1942 wurde er aus Paris in das Lager Drancy und am 19.07.1942 nach Auschwitz deportiert.

Recherchen und Pate: 94. Oberschule Leipzig (UNESCO-Arbeit)

Stolpersteinverlegung am 21. Juni 2018 um 11.00 Uhr in der Humboldtstraße 9.

Jakob, Paula und Manfred Buchaster

Diesen Stolpersteinen geht eine jahrelange Spurensuche von Sandy Speier-Klein aus New York nach ihrem Halbbruder Manfred Buchaster voraus. Die gemeinsame Mutter Paula Buchaster, geb. Falek am 26.07.1912 in Dresden, wurde mit ihrem ersten Mann Jakob Buchaster, geb. am 13.10.1907 in Leipzig, nach Auschwitz deportiert. Paula Buchaster überlebte das Massenmorden in Bergen-Belsen und wanderte in die USA aus, wo sie eine neue Familie gründete. Sie heiratete Hermann Speier aus Guxhagen bei Kassel, einen Shoa-Überlebenden, der im Dezember 1941 von Kassel aus in das Ghetto Riga deportiert wurde.

Das Ehepaar Buchaster heiratete am 06.11.1936. Seit dem Sommer 1937 wohnten sie in der Humboldtstr. 9 in der dritten Etage. Am 19.09.1938 kam ihr Sohn Manfred zur Welt. Die junge Familie erhielt keine Ausreisepapiere für die USA, so dass sie am 13.07.1939 nach Italien floh. Zunächst lebten sie in einem süditalienischen Flüchtlingslager in Ferramonte unter schwierigsten Bedingungen. Später gingen sie nach Norditalien (Costa di Rovigo). Kurz vor ihrer Verhaftung am 30.11.1943 gelang es den Eheleuten ihren kleinen Sohn bei der italienischen Familie Giuriola unterzubringen. Der Sohn Lino Giuriola, der Manfred noch persönlich kannte, lebt heute noch in Costa di Rovigo und ist ein wichtiger Zeitzeuge vor Ort.

Paula und Jakob Buchaster wurden am 26.06.1944 nach Auschwitz deportiert. Während Paula von Auschwitz weiter nach Bergen-Belsen transportiert und am 15.04.1945 befreit wurde, kam ihr Mann in das Männerlager Birkenau. Das letzte erhaltene Dokument über Jakob Buchaster (37 Jahre) stammt vom 29.09.1944. Er musste in Auschwitz u.a. in der Lehmgrube arbeiten.

Obwohl es einen Hinweis gibt, dass Manfred im Dezember 1943 in Auschwitz ums Leben gekommen sein soll, haben weitreichende Recherchen von Sandy Speier-Klein mit Unterstützung von Hans-Peter Klein aus Hessen ergeben, dass Manfred zu diesem Zeitpunkt auf jeden Fall in Italien lebte. Zeitzeugen berichteten, dass Manfred bis zum Juli 1944 Schutz in Costa di Rovigo bei der Familie Giuriola gefunden hatte. Als die SS ihn geholt hatte, war er 5 Jahre alt. Danach verliert sich jede Spur.

Im Oktober 2006 wurde die Stadtbücherei von Costa di Rovigo zum Gedenken an Manfred Buchaster nach ihm benannt.

Recherche: Sandy Speier-Klein, Hans-Peter Klein