Abo Spur

Abo Spur wurde am 1.10.1874 in Kreslawka, Lettland, geboren. Er diente im zaristischen Militär und nahm 1904/05 am russisch-japanischen Krieg teil. Danach ging er nach Wien und heiratete etwa um 1906. Seine Frau Rosa starb unter der Geburt des ersten Kindes. Abo Spur hatte nie eigene Kinder. Im gleichen Haus in Wien wohnte die Witwe Therese Quittner (1977-1933) mit ihren beiden Kindern Armin und Irene. Im Jahr 1908 kam Abo Spur mit Therese Quittner und den Kindern nach Leipzig. Hier gründete er eine Dachshaarmanufaktur und stellte Rasierpinsel her. Er wohnte in der Stettiner Straße 133, heute Gorki-Straße, in Schönefeld.

Anfang der 1920er Jahre heiratete Stieftochter Irene und brachte 1923 ihren Sohn Harribald zur Welt. Die Ehe wurde 1933 geschieden. Laut Vormundschaftsrecht setzte die Stadt Leipzig Alfred Starke als Waisenpfleger für den Jungen ein. Auf diesem Wege lernten sich Abo Spur und Alfred Starke kennen, durch dessen Tochter das Wissen um das Schicksal von Abo Spur überliefert ist.

Im Gegensatz zu seiner angeheirateten Familie, die 1938 Deutschland verlassen hat, wollte Abo Spur nicht aus Leipzig weg. Nach der Enteignung seiner Firma fand er in Probstheida Arbeit. Im Jahr 1937 gab er seine Wohnung auf und wohnte zur Untermiete in verschiedenen Wohnungen im Stadtzentrum. Ab Mai 1940 musste auch er in eines der sogenannten „Judenhäuser“.

 

Durch Alfred Starke sind einige Spuren von Abo Spur erhalten geblieben.

Alfred Starke selbst war ein konsequenter Gegner des Militarismus und der Nationalsozialisten, der schon den Fahneneid im Ersten Weltkrieg verweigert hatte und dafür auf der Festung Königstein inhaftiert wurde. Jetzt, in den 1930er Jahren, verweigerte er den Hitlergruß, lehnte die Beflaggung der Wohnung ab, verweigerte sich jeglichen Spendenaufrufen der Nationalsozialisten und wurde wegen seiner Gegnerschaft vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels entlassen. Nach 4 ½ Jahren Arbeitslosigkeit – davon 2 Jahre ohne Unterstützung – fand er in einem Betrieb in Machern Arbeit und unterstützte dort als Dolmetscher französische Zwangsarbeiter.

In einem alten Bienenhaus auf seinem Grundstück in Machern versteckte Alfred Starke drei Monate lang Abo Spur.

Die Stadtverwaltung entzog ihm die Stellung eines Waisenpflegers wegen politischer Unzuverlässigkeit. Seine Zivilcourage führte dazu, dass er regelmäßig zur Gestapo vorgeladen wurde. Zum Glück kam es nie zu einer Verhaftung.

Bis zuletzt hatte die Familie Starke engen Kontakt zu Abo Spur und unterstützte ihn. Die Kalendereintragungen von Alfred Starke bekunden einen bitteren Abschied:

 

Sa, 13.2.1943: „Kommt Herr Spur gebrochen an und teilt mit, dass er am Montag 12 Uhr seine Wohnung nicht mehr verlassen darf und am Dienstag früh 7 Uhr nach Theresienstadt kommt. Ab Montag hatte er das Bett hüten müssen und hierbei erfahren, dass er weg muß.“

 

So, 14.2.1943: „Herr Spur war zu Tisch geladen, kam aber erst nach 1 Uhr u. musste so allein essen. Er wollte erst zeitig weg, konnten ihn aber doch noch halten u. ging um 10 Uhr. Wir waren alle wie gelähmt beim letzten Händedruck.“

 

Mi, 17.2.1943: „Herr Spur soll erst heute weggek. sein, nachdem man sie vorher noch in die Schule der Nordstrasse gebracht hatte.“

 

Am 17.2.1943 wurde Abo Spur über Berlin nach Theresienstadt deportiert. Ein letztes Lebenszeichen erhielt Alfred Starke durch eine Postkarte vom 18.8.1943 aus Theresienstadt.

Von dort kam er am 18.12.1943 nach Auschwitz und wurde ermordet.

Abo Spur wurde 69 Jahre alt.