Salomo Weininger

Salomo Weininger wurde am 10.4. 1887 in Sniatyn (Galizien) geboren. Sein Beruf als Kürschner und Pelzhändler führte ihn in die Pelzstadt Leipzig, wo er auch seine Frau Rahel (geb. Uecker am 18.8.1896 in Waschkoutz, Bukowina) kennen lernte.

1924 wurden sie im 1. Standesamt in Leipzig getraut. Anschließend haben sie in der Synagoge in der Pfaffendorfer Straße eine echte jüdische Hochzeit gefeiert. Sie waren fromme Juden, die alle religiösen Gesetze einhielten. Es wurde nur koscheres Essen gekocht. Zunächst wohnte die Familie in der Berliner Straße 6, später in der Gellertstraße 4 und anschließend 1926, als am 28. Dezember der erste Sohn Arnold geboren wurde, in der Gneisenaustraße 7, zunächst bei Familie Steinmarder in Untermiete und schließlich als Hauptmieter. Zwei Jahre nach Arnold wurde am 12. August 1928 der zweite Sohn David geboren.

Bei den Vermerken über Zuzug und Wegzug in der Familiendatei des Staatsarchivs ist zu lesen, dass die Familie Weininger am 28.10.1938 nach Polen abgeschoben wurde. Die Familie kehrte bald  wieder nach Leipzig zurück. Die Verhältnisse in Polen waren  offenbar noch schlimmer als in Leipzig. Die Gneisenaustraße 7 wurde später zu einem so genannten „Judenhaus“. Ein Vollzugsbeamter des Leipziger Einwohnermeldeamtes mit Namen Seifferth fügt als letzte Eintragung im Familienregister hinzu, dass laut Sterbeurkunde des Amtsarztes vom 29.08.1940 der Händler Salomon Weininger am 02.06.1940 im Lager Sachsenhausen verstorben ist und das Registerblatt entsprechend korrigiert wurde. In der eigens für David angelegten Akte vermerkt Herr Seifferth als letzte Eintragung „ungeklärt“.

Rahel war gelernte Zahnarztschwester und kam aus Wien. Sie hatte einen rumänischen Pass, sprach aber niemals Rumänisch. Wie Salomo sprach sie immer Deutsch. Nur wenn die Kinder nichts verstehen sollten, sprachen die beiden miteinander Jiddisch.

David und Arnold gingen regelmäßig zum Jüdischen Sportverein Bar Kochba und spielten dort Fußball. Manchmal verdienten sie sich auch ein kleines Taschengeld als Balljungen auf dem Tennisplatz.

Zum spazieren gehen war auch bei der Familie Weiniger das Rosental sehr beliebt, so lange es dort für Juden erlaubt war. Dorthin kam auch der Vater mit und rauchte seine Astra-Zigaretten. Die Urlaubsreisen der Familie Weininger führten ins Erzgebirge und in die Tschechoslowakei, nach Karlsbad, Marienbad, Franzensbad und Joachimsthal.

David hatte viele Freunde, so dass Arnie, der große Bruder, ihn nur selten beschützen musste. Beim „Tauchscher“ machten sie mit als Trapper und als Indianer. Selbstverständlich hatten sie mit großer Begeisterung die Bücher von Karl May gelesen.

Arnold und David gingen in die 32. Volksschule in der Yorckstraße. Dort gab es für die fleißigen und intelligenten Knaben viel Anerkennung, aber auch von einigen Lehrern spürbaren Antisemitismus. Ein Lehrer lobte Arnie für seinen Aufsatz über Johann Sebastian Bach. Arnie war vorher heimlich zusammen mit seinem Bruder in die Thomaskirche gegangen  und  sein Lehrer sagte zu den anderen Schülern: „Dieser Ausländer kann besser Deutsch als ihr. Nehmt euch ein Beispiel an ihm.“

Der Vater Salomo wurde 1939 verhaftet und nach Sachsenhausen deportiert. Damit war dieses harmonische, von Liebe erfüllte Familienleben mit einem Schlag zerstört. Als 1940 die Urne aus dem Lager überstellt wurde mit der Todesnachricht „Herzversagen“, wunderte sich die Familie sehr, weil zur gleichen Zeit in mehreren jüdischen Familien sehr plötzlich die ehemals kerngesunden Väter angeblich an „Herzversagen“ gestorben waren. Mit einem der letzten Kindertransporte kam Arnold Weiniger noch 1940 heraus aus Deutschland. Die Mutter sah er am Hauptbahnhof zum letzten Mal. Sie wurde am 21. Januar 1942 zusammen mit ihrem Sohn David nach Riga deportiert. David ist seitdem verschollen. Rahel wurde am 8.11.1944 nach Stutthof deportiert. Dort verliert sich ihre Spur.

Arnold Weininger überlebte den Holocaust durch eine abenteuerliche Flucht über Italien, Kroatien und die Schweiz und lebt heute in den USA im Bundesstaat Arizona.

Recherche: Elke Urban, Schulmuseum